Piesteritz trifft auf den souveränen Spitzenreiter Stendal.
Philipp Scopp, 16.12.2016
Piesteritz - Florian Freihube hat nicht den geringsten Zweifel: „Das wird das einfachste Spiel des Jahres. Uns traut doch niemand etwas zu!“ Der Kapitän vom FC Grün-Weiß Piesteritz spricht von der Partie am Samstag - Schiedsrichterin Josefin Reinsch pfeift um 13 Uhr im Volkspark an - gegen den souveränen Spitzenreiter Lok Stendal und irrt sich gewaltig. „Ich halte einen Punktgewinn für möglich“, sagt Stephan Gräfe als neutraler Beobachter. Dabei denkt der Verbandsliga-Staffelleiter an den starken Auftritt in Zorbau beim 2:1-Erfolg.
Und im Mittelpunkt steht eben Freihube, der kämpferisch immer ein Vorbild ist, und seine Leistung mit seinem ersten Doppelpack der Saison und mit einem Kopfballtreffer nach gefühlten Ewigkeiten krönt. Und es klingt fast wie eine Drohung in Richtung des Kontrahenten, wenn der Spielführer sagt: „Der Zorbau-Kader“ - also die Liste der Verletzten und Gesperrten bleibt unverändert lang. Sven Körner jedenfalls hat Respekt. „Wir sind gegen die starken Zorbauer nicht über ein 0:0 hinausgekommen“, sagt Stendals Trainer. Die Resultate der Grün-Weißen im Saisonverlauf seien - in positiver und in negativer Hinsicht - kaum interpretierbar.
Der Übungsleiter schlussfolgert: „Piesteritz ist eine Wundertüte!“ Körner, der „beim HFC groß geworden ist“, für den 1. FC Magdeburg und Stendal kickte, kennt die Volkspark-Elf aus em Effeff. „Wir werden nicht Harakiri spielen, weil wir wissen, dass der Gastgeber Probleme hat, das Spiel zu gestalten“, sagt der jüngste Trainer der Liga. Das klingt nach einer langen Abtastphase und nach Sicherheit zuerst. Das kann aber auch ein taktischer Bluff sein. „Ich rede nicht um den heißen Brei herum. Wir wollen gewinnen und unseren Vorsprung an der Tabellenspitze auf acht Punkte ausbauen“, so der 34-Jährige, der als gelernter Angreifer auf Offensive und „Geschwindigkeits-Fußball“ sowie eine akribische Vorbereitung setzt. „Ich zerlege das Spiel in einzelne Phasen“, berichtet der Coach. Ziel sei es, auf jede mögliche Spielsituation die passende Antwort zu finden. „Das ist zuerst Theorie“, erklärt Körner, der aber auch betont: „Das wir an der Spitze stehen, das ist kein Zufall, sondern harte Arbeit.“ Dabei muss der souveräne Primus, der derzeit das jüngste Team der Verbandsliga stellt, seit Wochen mit Personalproblemen kämpfen. „Zeitweise fehlten acht Stammspieler, darunter vier Leistungsträger“, so Körner. Darüber hinaus hat der Verband gleich vier Stendaler Kicker in die Futsal-Landesauswahl für das Wochenende berufen, und das Angebot unterbreitet, die Partie vom Samstag zu verlegen. „Darüber habe ich mit meinem Spielern geredet. Wir wollen aber unbedingt spielen, und dann mit drei Punkten im Gepäck zu unserer Weihnachtsfeier fahren“, so Körner. Allerdings könne der Wunsch des Verbandes nicht erfüllt werden. Drei der Wunschkandidaten seien verletzt, und auch der Vierte im Bunde muss berufsbedingt absagen. So kann sich der aktuelle Herbstmeister - „Das wurde in einer kurzen Ansprache in der Kabine gewürdigt.“ - voll auf den Auftritt im Volkspark konzentrieren.
„Wir denken von Spiel zu Spiel“, sagt Körner, der schon die Euphorie im Umfeld zu spüren bekommt. „Über uns steht jeden Tag etwas in der Zeitung“, sagt der Mann, der nicht so gern über das Thema Oberliga-Aufstieg redet. Dabei bescheinigen Journalisten der Altmark dem Team „eine perfekte Hinrunde“. Körner, der im Gegensatz zu seinem Piesteritzer Amtskollegen Heiko Wiesegart sich viel Zeit zum Gespräch mit den Medien nimmt, hält dagegen, dass es noch eine schwere Rückrunde gebe. Doch offensichtlich gehören dann die Kaderschwierigkeiten der Vergangenheit an. Philipp Groß und Martin Krüger werden nach ihren Verletzungen wieder zurück erwartet. Vincent Kühn beendet seinen Auslandsaufenthalt. Das Lazarett lichtet sich, und schon in Piesteritz wird sich der eine andere Leitungsträger zurückmelden. „Wir treffen auf einen schweren Gegner“, sagt der Angreifer Martin Gödecke und betont: „Ich bin zwar noch nicht zu 100 Prozent einsatzbereit, will am Samstag aber trotzdem eine Option für den Trainer sein und auf die Zähne beißen“. Auch Tim Scharrschmidt bietet sich nach einer Innenbandverletzung wieder an. „Nach dem ich so lange nur zuschauen konnte, bin ich nun voller Tatendrang. Wir wollen unsere Hinrunde zum Abschluss mit einem Sieg krönen“, so der 21-Jährige. Auch Moritz Instenberg steht nach seinem Muskelfasserriss wieder - zumindest für einen Kurzeinsatz - zur Verfügung. Die Elf zeigt Tatendrang, Willen und Zusammenhalt - Körner: „Das ist bei einer Siegserie normal“, und möchte ein neues Kapitel in der Erfolgsgeschichte des Vereins aufschlagen. Stendal spielte in den 50er und 60er Jahren gespickt mit Nationalspielern in der Oberliga, der höchsten Spielklasse in der Ex-DDR.
Auch nach der politischen Wende sorgt die Elf vom Hölzchen für Schlagzeilen und viel Furore. 1995 wurden im DFB-Pokal der SV Waldhof Mannheim, Hertha BSC und der VfL Wolfsburg ausgeschaltet. Gescheitert ist die Elf erst an Bayer Leverkusen mit 4:5 im Elfmeterschießen. Seit 2015 ist Stendal Premium-Partner von Real Madrid. (mz) /
Quelle:Mitteldeutsche Zeitung, 16.Dezember 2016
