Kontakt wird zum Verhängnis
Philipp Scopp, 02.05.2016
Magdeburg -
Der FC Grün-Weiß Piesteritz verliert im Abstiegskampf bei Börde Magdeburg vor 55 Zuschauern 1:2. Die Entscheidung fällt durch einen Elfmeter. Der Referee Marcus Peter (Arnstedt) lässt sich eine gefühlte Ewigkeit Zeit, um auf den Punkt zu zeigen. Selbst Tobias Ellrott drückt sich um eine klare Aussage, ob der Strafstoß berechtigt ist oder eben nicht. Der Börde-Trainer - im wirklichen Leben ein Anwalt - beruft sich auf eine Zeugenaussage. „Ich habe meinen Spieler gefragt. Er hat gesagt, es war ein Foul und ich glaube ihn“, so der Coach.
Es gibt aber auch ein anderes Zitat und zwar vom vermeintlichen Täter. „Der springt über mich drüber und schreit“, sagt der Piesteritzer Torwart Jan Lindemann auf MZ-Anfrage. „Es gab einen Kontakt. Der Stürmer hat das schlau gemacht“, so Heiko Wiesegart. Der Piesteritzer Übungsleiter muss sich aus Personalnot wieder selbst in der Abwehr aufstellen. Sein Vertreter auf der Bank sucht die Ursache für die strittige Szene in den eigenen Reihen und nennt einen „individuellen Fehler“ in der Abwehr als Auslöser des Verhängnisses. Diese kritische Analyse ist korrekt und stammt vom Lars Irmer. Der Cheftrainer auf Zeit ist der Sohn der Fußball-Legende aus dem Volkspark, Peter Irmer, der am Samstag auf denn Tag genau vor 40 Jahren beim größten Pokalerfolg der Grün-Weißen zu den Leistungsträgern zählt (siehe „Eine Bockwurst...“). „Wir sind zu 100 Prozent Piesteritzer. Ich bin auch schon seit 1978 im Verein“, sagt der Sohn, der beim FC seit November der sportliche Leiter ist.
Zunächst sieht der Sportdirektor eine gut eingestellte Gäste-Elf. Die Piesteritzer sind scheinbar der Chef auf dem Rasen. Doch in Führung gehen die Platzherren „wie aus heiterem Himmel“, wie selbst Ellrott einschätzt. Den ersten gelungenen Angriff der Börde-Kicker nutzt Marcus Mähnert zum 1:0 (16. Minute). Die Piesteritzer versuchen, noch vor der Pause zu antworten. Doch Jörg Steiner (27.) und Michael Müller (31., 32.) treffen das Ziel nicht. Die Führung für Börde ist schmeichelhaft. „Wir haben die ersten 20 Minuten nicht gut gespielt. Wir brauchen mehr Aggressivität“, fordert Ellrott sein Team auf.
Tatsächlich kommt seine Elf wie verwandelt aus der Kabine. Daniel Zoll profitiert von einem Missverständnis in der Piesteritzer Abwehr. Doch sein Kopfball geht am Gehäuse vorbei. „Als wir die Partie endlich in den Griff bekommen haben, fällt der Ausgleich“, so Ellrott. Den Freistoß von Sascha Prüfer lässt der Torwart prallen. Jonny Karaschewski ist für das 1:1 zur Stelle (60.). Die Gastgeber sind geschockt, und das kann erneut Karaschewski fast ausnutzen. Doch sein Schuss landet am Pfosten (63.).
Und dann kommt es eben zur spielentscheidenden Szene. Richard Held vertändelt am eigenen Strafraum den Ball. Lindemann kann den Fehler - so sieht es zunächst aus - noch ausbügeln. Sekunden später - die Zuschauer fordern vehement Strafstoß - pfeift der Referee doch noch. Zoll verwandelt sicher (66.). Die Gäste stemmen sich nun vehement gegen die Niederlage, aber die größeren Chancen hat jetzt Börde. Deshalb sagt Ellrott auch: „Wir haben verdient gewonnen!“ Der Jubel ist riesengroß. „Wir haben vier Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang - so viel wie noch nie!“, ruft er in den Spielerkreis. Es ist sein Fazit nach einer Begegnung - vor allem in der zweiten Halbzeit - voller Emotionen. Es ist nichts für schwache Nerven. Abstiegskampf pur eben. So fordert die komplette Börde-Bank nach einem Foul von Steiner im Mittelfeld die Rote Karte. Der Referee zückt Gelb - die unsportlichen Rufe der Offiziellen werden nicht geahndet. Als sich aber ein Piesteritzer Fan mit den Magdeburger Verantwortlichen ein Wortduell liefert, geht dem Linienrichter die Meinungsfreiheit dann doch zu weit. Der Assistent notiert sich den Namen des Anhängers. Sein Verdacht: Ein Verantwortlicher von Grün-Weiß wollte als Zuschauer getarnt die Magdeburger provozieren. Auf solch eine Idee muss man erst mal kommen! Zumal die Piesteritzer Offiziellen ruhig und besonnen reagieren und sich von der Hektik der Konkurrenz nicht anstecken lassen. Irmer wirkt nach außen cool, muss aber nach dem Abpfiff erst einmal durchamten, und sagt dann: „Uns fehlte heute der notwendige Biss.“ Er sei von der Leistung einiger Spieler enttäuscht und spricht von „Totalausfällen“ und „fehlender Laufbereitschaft“. Wiesegart dagegen ist auf dem Feld ein Vorbild und hat kämpferisch überzeugt. Der Spielertrainer muss bereits in der ersten Halbzeit einen Tritt auf seine Hand verkraften, die blutende Wunde wird versorgt, und mit einem Verband geht es weiter. Trotz Schmerzen hält der Abwehrmann 90 Minuten durch. Trotzdem hofft Irmer, dass der Trainer schnell wieder das Kommando von der Bank aus übernehmen kann.
Allerdings werden die Personalsorgen beim FC nicht wesentlich kleiner. Prüfer sieht in Magdeburg seine fünfte Gelbe Karte in der Rückrunde und ist genauso gesperrt wie Torwart Marvin Kleinschmidt und Abwehrmann Daniel Gallin. „Dennis Marschlich kommt nach seiner Sperre zurück und vielleicht ist auch Sebastian Töpfer wieder einsatzbereit“, so Irmer. (mz)
FC Grün-Weiß Piesteritz spielt mit: Jan Lindemann; Tom Polaszek, Richard Held, Heiko Wiesegart, Jörg Steiner, Jonny Karaschewski, Sascha Prüfer, Christoph Düsedau, Maximilian Arlt (70. Brian-Lucas Körnicke), Kevin Redlich, Michael Müller
