Das Offensiv-Wunder
Philipp Scopp, 30.04.2015
Der FC Grün-Weiß Piesteritz trifft im Volkspark auf die Torfabrik aus Merseburg. Gegen den durchaus gefährlichen Gegner muss vor allem die Abwehr alles geben.
PIESTERITZ –
Michel Petrick kennt nur eine Richtung: sofort nach vorn! Dass seine Merseburger Elf heute Abend im Volkspark (Anstoß 18.30 Uhr) dabei in einen Piesteritzer Konter laufen kann, stört den Cheftrainer überhaupt nicht. „Wir können ruhig einen Gegentreffer kassieren, wenn wir dafür zwei Tore schießen“, erklärt der Übungsleiter seine Maxime auch bei Auswärtsspielen.
Aber Vorsicht: Die Torfabrik der Verbandsliga ist nicht so genügsam. Das kann Dessau 05 bestätigen. Die Kicker aus dem Schillerpark, die zuvor beim Spitzenreiter Barleben erst in den Schlusssekunden 1:2 verlieren, kommen am vorigen Wochenende in der Domstadt bei Imo mit 1:9 unter die Räder. Es ist eine historische Demütigung, die höchste Niederlage in der Vereinsgeschichte. Und dabei konnten die Dessauer sogar in Führung gehen.
Abwehr muss halten
Das kennen die Piesteritzer bestens. Sie nutzen einen Tempogegenstoß beim Hinspiel in der Domstadt zur 1:0-Pausenführung. Nach dem Wechsel allerdings hisst die Piesteritzer Abwehr die weiße Fahne. „In der Defensive stimmte gar nichts. Eine Zuordnung habe ich überhaupt nicht gesehen“, schimpft die Piesteritzer Trainer-Legende Gerhard Müller noch vor Ort. Selbst der Toptorjäger der Verbandsliga - Sebastian Schlorf hat aktuell 26 Treffer auf seinem Konto - konnte schalten und walten, wie er wollte. Er bedankt sich mit einem Dreierpack. Und die Standards von Nico Kanitz - meist als Flanke geschlagen - sorgen stets für Gefahr. Piesteritz schluckt in nur einer Halbzeit fünf Gegentore und unterliegt 1:5. Fakt ist, Merseburg wird heute mit breiter Brust auflaufen. „Wir wollen die restlichen sechs Spiele gewinnen und die 18 Punkte holen. Unser Ziel ist Platz drei“, so Petrick. Merseburg liegt derzeit auf Rang fünf, hat aber mit Abstand die meisten Tore - exakt 73 - in der Verbandsliga erzielt. Grundlage dafür ist natürlich das 20:0 über den Letzten Schönebeck. Und auch das ist ein Ergebnis für die Fußball-Geschichtsbücher.
Das Offensiv-Wunder hat natürlich auch eine Kehrseite. „Zu viele Gegentore“, sagt Petrick. Doch das ist klagen auf hohem Niveau. Die Piesteritzer haben sogar einen Treffer mehr kassiert als der heutige Kontrahent. Trotzdem wird Merseburg in der nächsten Saison wohl das Augenmerk auch auf die Defensive legen.
Neu-Coach freut sich aufs Team
Der Transfer von Tom Persich als neuer Trainer ist perfekt. „Ich kann viel von ihm lernen“, sagt Petrick, der sich als künftiger Co-Trainer auf die Zusammenarbeit freut. Persich - derzeit Übungsleiter beim Oberligisten Germania Schöneiche - hat Bundesliga und Uefa-Cup in seiner Profikarriere gespielt. Der inzwischen 44-Jährige war Kultfigur bei Union Berlin und hat in der Vereinsgeschichte der Eisernen - Spitzname „Keiler“ - die zweitmeisten Einsätze (280) auf seinen Konto. Persich spielt auch schon für den HFC und Babelsberg. Ein Internetportal vermeldet den „Hammer-Transfer“ mit dem Kommentar, dass Merseburg in der nächsten Saison in die Oberliga aufsteigen will.
„Wir haben einen sehr guten Nachwuchs“, sagt Petrick, der im Moment aber die Ambitionen für Liga fünf nicht unbedingt bestätigen will. Doch das ist Zukunftsmusik. Für Piesteritz muss sich das Thema Aufstieg aktuell noch nicht ganz erledigt haben. Dazu muss aber eine neue Siegesserie gestartet werden.
Kontrollierter Angriff
„Das ist ja schon fast provozierend. Wir haben schon eine tolle Serie hingelegt“, sagt Uwe Ferl, aber betont dann doch: „Wir wollen gegen Merseburg gewinnen.“ Dazu werde er keine Defensivtaktik wählen. „Wir werden uns nicht hinten reinstellen, müssen aber genauso gut gegen den Ball stehen wie gegen Spitzenreiter Barleben beim 4:3-Sieg“, so der Cheftrainer, der aber offen lässt, ob er den Gegner gleich „mit Pressing ganz vorn“ beeindruckend will. Fest steht: „Wir haben Respekt vor Merseburg. Aber auch wir werden von Anfang an nach vorn spielen“, so Ferl. Allerdings werden die Zuschauer nicht das Duell der Toptorjäger erleben. Der Piesteritzer Elite-Stürmer Jeffrey Neumann (21 Treffer) ist nach der fünften Gelben Karte beim 0:4 gegen den HFC II gesperrt.
„Unsere Jungs haben etwas gut zu machen“, kommentiert Ferl die Niederlage. Wer auflaufen wird, steht noch nicht fest. Jörg Steiner und Andreas Thöner plagen leichtere Verletzungen. Und Kevin Jersak steht aus beruflichen Gründen nicht zur Verfügung. „Ich kann aus dem Vollen schöpfen“, sagt dagegen der Merseburger Petrick. (mz)
Quelle:Mitteldeutsche Zeitung 30.April 2015
