MZ Bericht zum Thema Kinderfußball ohne Schiedsrichter
Philipp Scopp, 12.03.2014
Bei unserem letztem Testspiel gegen den SV Germania 08 Roßlau, hatten wir selber das Projekt ohne Schiedsrichter das Spiel über die Bühne gebracht zuhaben. Dieser Test war ein tolles Beispiel wie gut es funktionieren kann.
Heute ist dazu in der Mitteldeutschen Zeitung DESSAU-ROßLAU ein Bericht.
Als Papa noch klein war, wollte er unbedingt Fußball-Profi werden, auf der ganz großen Bühne spielen, die entscheidenden Tore schießen. Plötzlich steht Papa am Spielfeldrand. Der Traum ist geplatzt, die Jahre sind vergangen. Nun soll es der Sohnemann richten. Und Papa schreit. Und Papa schimpft. Der Kinderfußball hat ein Problem.
„Sicherlich haben viele Eltern und auch die Kinder selbst den Wunschgedanken, später einmal Bundesliga zu spielen“, weiß Olaf Glage, Vorsitzender des Jugendausschusses beim Fußballverband Sachsen-Anhalt (FSA), „aber der Anteil an Talenten, die das auch wirklich schaffen, ist sehr, sehr gering.“ Der Ehrgeiz aber ist groß, manchmal viel zu groß. Spielabbrüche oder Schiedsrichterbeleidigungen auf unterstem Niveau - wenn man sich mit der Welt des Kinderfußballs vertraut macht, hört man allerhand entsetzliche Geschichten.
Ralf Klohr war das irgendwann zu viel. Der Nachwuchstrainer und Jugendleiter aus Aachen hörte 2005 von einer Schlägerei bei einem F-Jugendspiel - ausgelöst durch Erwachsene. Ein Schock, erst wollte er hinschmeißen, dann etwas verändern. Alles verändern, wenn man so will. Klohr stellte drei „Respektregeln“, wie er sie nennt, auf. Erstens: Die Eltern müssen einen Mindestabstand von 15 Metern zum Spielfeld einhalten. Zweitens: Die Trainer halten sich in einer gemeinsamen Coaching-Zone auf. Und drittens: Die Spiele werden ohne Schiedsrichter ausgetragen.
2007 gab es die erste FAIR PLAY LIGA
2007 wurde im Fußballkreis Aachen, in Klohrs Heimat, erstmals eine sogenannte „Fair Play Liga“ für F-Junioren getestet. Inzwischen haben es seine Grundsätze, wenn auch leicht abgeändert, sogar in die DFB-Jugendordnung geschafft. In zahlreichen Landesverbänden wird das Konzept ausprobiert. Pflicht ist das allerdings nicht, Nachwuchsfußball ist schließlich föderal organisiert. Aber: „Auch wir spielen in der G-Jugend schon nach der neuen Ausbildungsphilosophie“, sagt Olaf Glage.
In dieser Saison habe es bereits drei Pilotprojekte in den Kreisen Salzland, Halle und Mansfeld-Südharz gegeben, ab der kommenden Spielzeit solle bei den G-Junioren in ganz Sachsen-Anhalt auf einem Kleinfeld gespielt werden, ohne Schiedsrichter, ohne Erfolgsdruck und „die Zuschauer stehen zehn bis 15 Meter vom Spielfeld entfernt“, wie der Vorsitzende des Jugendausschusses sagt. Der Landesverband steht dem Projekt offen gegenüber. Gleiches gilt anscheinend für die Vielzahl der Kreisfachverbände (KFV). Die Problematik ist ja bekannt. „Ich habe selbst schon in zwei Fällen erlebt, dass Väter ihre gefoulten Söhne rächen wollten und auf den Platz gerannt sind“, erzählt Detlef Barth, Präsident des KFV Anhalt.
Auch Jörg Bihlmeyer hat solche Erfahrungen schon gemacht: „Es gibt ganz viele Eltern, die sich für Trainer halten“, sagt der Präsident des KFV Anhalt-Bitterfeld, „da gibt es ja zwei, drei negative Beispiele aus der Vergangenheit.“ Ein Vater sei mit einem T-Shirt zum Spiel erschienen, auf dem fett „Blutgrätsche“ geschrieben stand. „So etwas macht man einfach nicht“, meint Bihlmeyer, „das muss alles in einem vernünftigen Rahmen ablaufen.“
Spaß steht im Vordergrund
Dass das mit Hilfe der Fair-Play-Regeln funktionieren kann, hat sich im Laufe dieser Saison auch im Salzlandkreis gezeigt, wo das Kleinfeldspiel ohne Schiedsrichter bei den G-Junioren erfolgreich praktiziert wurde. „Da steht der Spaß im Vordergrund“, hat Markus Scheibel, Präsident des KFV Salzland, beobachtet. Seiner Meinung nach spreche in den unteren Altersklassen nichts dagegen, ohne Schiedsrichter zu spielen, „das ist dann wie früher auf dem Bolzplatz“, so sagt er - und bringt die Idee des Projektes damit auf den Punkt. Zurück zu den Wurzeln, die Kinder sollen sich frei entfalten können. „Wenn ein Zwang dahintersteht“, meint auch Olaf Glage, „können sich die Kinder nicht entwickeln.“
Sukzessive solle das Kleinfeldprinzip in den kommenden Jahren in der G-, F- und E-Jugend etabliert werden. Ab der D-Jugend (U 13/ U 12) „sind das dann die ersten Jahrgänge, wo es auch um das Leistungsprinzip geht“, wie Glage sagt. In der kommenden Saison soll es in Sachsen-Anhalt deshalb eine Talente-Liga für D-Junioren geben, wo die besten Mannschaften des Bundeslandes gegeneinander antreten. 20 Teams, aufgeteilt auf zwei Staffeln, Nord und Süd. „Diese Liga“, sagt der Vorsitzendes des Jugendausschusses erwartungsvoll, „soll das Aushängeschild unserer Nachwuchsarbeit werden.“
Bei den ganz jungen Kickern soll der Fair-Play-Gedanke weiterentwickelt werden. Die Kreisfachverbände stehen dem Thema offen gegenüber. Warum auch nicht, die meisten Eltern wissen sich schließlich auch zu benehmen, unterstützen ihre Kinder und verstehen, dass es um den Spaß am Fußball geht. „Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere“, meint Detlef Barth, „da haben wir Straßenfußball gespielt und auch keinen Schiedsrichter gebraucht“ Es geht also. Man muss ihn wahrscheinlich nur wollen, den modernen Bolzplatz.
Quelle:http://mz-web.de/dessau-rosslau/fussball-nachwuchs-es-geht-auch-ohne-schir
